Wilhelm Raabe
Eschershausen
Berlin – Ein Buch schreibt Geschichte
Von 1854 bis 1856 besuchte Wilhelm Raabe als Gasthörer die Friedrich Wilhelm-Universität in Berlin. Raabe ging nach Berlin, um seine Bildung zu erweitern und die Universität für die Zwecke seiner schriftstellerischen Entwicklung zu nutzen. Prägend waren daneben die Erfahrungen mit dem Leben in der Großstadt sowie die reichlich genutzten Möglichkeiten der Kulturangebote etwa mit Theater- und Museumsbesuchen. An seine Berliner Erfahrungen knüpfte Raabe in der Erzählung »Theklas Erbschaft« an: »Ich war ein Student, und ich studierte in Berlin die schönen Wissenschaften und die häßlichen für das Vergnügen und ums liebe Brod. Ich studierte aber auch das Leben, und in ihm das Schöne und das Häßliche von demselben Blatt – o großer Gott, was studierte ich alles! Es ist mir heute noch ein Mirakel, daß ich nicht mit einem Riß, einem Sprung im Hirnkasten oder einem darum gelegten eisernen Bande herumlaufe: die Gehirnerweiterung war zu mächtig!« In diese Zeit fiel der Beginn der Arbeit an der »Chronik der Sperlingsgasse«. Er will am 15. November 1854 mit der Niederschrift begonnen haben, plötzlich und überraschend: »Ich hatte mir das gelbe Papier aus einer leeren Zigarrenkiste herausgerissen, darauf habe ich die ›Sperlingsgasse‹ begonnen«. Raabe selbst hat diese Form der Berufung zum Dichter mit der Stilisierung des sogenannten Federansetzungstages gefördert und seine Gemeinde der Verehrer hat diesen Mythos bis in die Gegenwart gepflegt. Es gibt noch viele Beispiele, wie Raabe es verstanden hat, seinen Beruf als freier Schriftsteller geradezu legendenhaft zu verklären und damit selbst zur Legende zu werden. Mit der Fertigstellung der »Chronik« im Winter 1855 hatte sich Raabe frei geschrieben aus den belastenden Zwängen klein-bürgerlicher Gesellschaftsstrukturen und Leistungsorientierung. In der Selbstverwirklichung als Schriftsteller hatte er die Bestätigung eines Berufszieles gefunden, an dem er sich offenbar zielstrebig seit dem Ende der Wolfenbütteler Schulzeit orientiert hatte. Die Mutter empfing den scheinbar erneut Gescheiterten mit wenig Hoffnung für eine berufliche Zukunft: »Als ich jung von Berlin kam und brachte ihr das Manuskript der ›Chronik‹ mit und legte es ihr vor, da sagte sie: ›Ach, Wilhelm, es wird ja doch wieder nichts‹«.
(Text: Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel)
Realist der bescheidenen Armseligkeit – Theodor Heuss zu Wilhelm Raabe
Zufällig stieß ich wieder einmal auf eine Buchgemeinschaftsausgabe literarischer Texte unseres ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss. Als dieser 1936 aus politischen Gründen weitgehend gehindert wurde seine Aufgaben als politischer Journalist fortzuführen war nutzte er die Zeit für seine Arbeiten als freier Schriftsteller. Primär wurde er Biograph, aber auch Interpret zu Werken führender Schriftstellerinnen (z.B. Ricarda Huch u.a.) und Schriftstellern (z.B. auch Lessing, Goethe u.a.). Schon als junger Journalist hatte Heuss neben den Schriften zur aktuellen Politik und wirtschaftlichen Entwicklung der Zeit glänzende literarische Kolumnen verfasst. Zu den frühesten Beispielen zählten Texte zu Walt Whitman, Mark Twain, Theodor Fontane, sowie zu meiner Überraschung, Wilhelm Raabe.
Es war dies ein wertender Rückblick und Heuss hatte die damals sowie heute noch aktuelle Modernität in Raabes Werken als einer der ersten Kritiker erkannt. Für ihn war Raabe „ein guter, sorgsamer Beobachter der sozialen und kulturellen Entwicklungen“. Er zeichnet Raabe als „Realisten der bescheidenen Armseligkeit einer hinabgesunkenen Epoche“, der sich im Kern seines Schaffens bemüht, die Menschen keineswegs bloß zu unterhalten, sondern sie auch „unmerklich, ein wenig besser machen will?“ Heuss bewertet letztlich Raabe als realistischen Erzähler auf der Höhe mit Dickens oder Thackeray.
Theodor Heuss besaß schon als junger Journalist durch seine zwei Jahre zuvor geheiratete Ehefrau Verbindungen zu Braunschweig. Hier war Elly Knapp 1881 im Dom getauft worden, hier lebten ihre Großeltern im Vieweghaus am Burgplatz, hier war Prof. Dr. Ludwig Knapp, der Großvater, Professor an der Technischen Hochschule und die Enkelin kam regelmäßig in den Sommerferien als Feriengast nach Braunschweig. Ob sie dabei einmal Wilhelm Raabe persönlich erlebt hatte, ist aus ihren Aufzeichnungen nicht ersichtlich, gelesen aber hatte sie einige Werke. Bei einem Spaziergang entdeckte sie eine ominöse Buchhandlung und notierte später: „Aber hier wohnte das Proletariat in luftloser Enge, und hier sah ich in einer sozialdemokratischen Buchhandlung die ersten Agitationsbroschüren. Eine davon hieß ‚Die Kirche im Dienst des Unternehmertums‘. (,,,) Der Eindruck war so niederschmetternd, dass ich jedes Mal, wenn die Domglocke zu Mittag vier schwere Schläge tat […] an die Versöhnung des Proletariats mit der Kirche mich mahnen ließ.“ Es war dies ein Werk aus der Buchhandlung von Wilhelm Bracke. Damals regte sie diese Lektüre dazu an, mit Vermittlung ihres Vaters in Straßburg, Kontakt mit dem sozialreformerischen Naumann-Kreis aufzunehmen. Dort lernte sie gleich zu Beginn den „brummigen“ Sekretär Naumanns kennen, der nicht viel zu halten schien von der jungen. Dieser „Brummbär“ war niemand anderer als Theodor Heuss, der spätere Ehemann.
(Text: Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel)
Der
Literat mit karnevalistischen Würden: Wilhelm Raabe
Fastnacht und Karneval sind aus
mehreren kulturellen Wurzeln entstanden. Die Fastnacht entwickelte
sich weitgehend aus christlichen Traditionen, während der Karneval,
insbesondere in seiner rheinischen Ausprägung, in vorchristlichen
Festen, Umzügen und Verkleidungen und ausschweifenden Feiern alter
Kulte seine Wurzeln hatte. Beide Traditionen gingen schließlich in
einem Verschmelzungsprozess auf und wurden von der Kirche in den
christlichen Festkalender integriert. Ein besonderer Brauch im
norddeutschen Raum war das Schau- oder Scheuchteufel-Laufen
(„Schodüvellopen“) als besonderer Spaßbrauch zu Fastnacht.
Die
Deutung des weit verbreiteten Brauches reicht von symbolhafter
Winteraustreibung, über politische Demonstration bis zu einem wilden
Austoben im Zeichen des Fastelabends. Damit verbunden war die
Freiheit, zu tun und zu lassen, was man wollte, also
„Narrenfreiheit“, ehe die strenge Zeit des Fastens beginnt.
Letztlich kommt der Aufzeichnung zum Schoduvel von 1293 im
Braunschweiger Schichtbuch die Bedeutung des ältesten urkundlichen
Belegs für den Fastnachtsbrauch zu, ohne dass dies natürlich etwas
über den Ursprung, das tatsächliche Alter und die Traditionslinien
aussagt, auf denen Fastnacht/Karneval beruhen.
Karneval
hat also im Braunschweigischen eine lange Tradition. Während der
rheinische Karneval im 19. Jahrhundert seine moderne Ausprägung
fand, ist im braunschweigischen Blankenburg eine Einladung zum
Karneval im Großen Schloss bereits für das Jahr 1731 belegt. Vom 6.
Januar bis 6. Februar 1731 fanden jeweils von abends 8 Uhr bis 2 Uhr
nachts „Carnevals-Lustbarkeiten“ statt. Selbst der berühmte
Schriftsteller und Ehrenbürger von Eschershausen und Braunschweig,
Wilhelm Raabe, durfte eine ihn sicherlich überraschende Ehrung
erfahren, als ihm am 22. Januar 1894 das Ehrendiplom der Großen
Kölner Karnevalsgesellschaft überreicht wurde. Wäre damals in
Braunschweig schon eine so unterhaltsame Form des Karnevalsumzuges
wie in der Gegenwart lebendig gewesen, welche Motivfülle hätte er
darin für seine Werke gefunden.
(Text: Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel)
Weihnachten bei Wilhelm Raabe
»Und endlich erklang die
kleine, silberne Glocke, die Tür sprang auf, und alles bewegte sich
in den Raum, in dem der Tannenbaum erstrahlte, und stand bewundernd
und andachtsvoll davor, bis die Mutter jeden an seinen Platz führte,
wo die Geschenke für ihn aufgebaut waren. Dann gab es Jubel und
Trubel, Besehen und Bewundern und Bedanken«.
Diesen Blick in die Weihnachtsstube der Familie Raabe beschreibt
Tochter Margarethe. Tatsächlich hatten das Weihnachtsfest und der
Heilige Abend, den Wilhelm Raabe als »Tag
Adam und Evas« bezeichnete,
eine große Bedeutung für den braunschweigischen Schriftsteller, und
zwar nicht nur im Privatleben, sondern auch in seinen Werken, wie
etwa Raabes Erzählung
»Weihnachtsgeister«.
Kaum
eines seiner Werke, ob fiktionale Erzählungen oder die großen
historischen Romane, in denen die Weihnachtszeit oder bestimmte
Weihnachtsbräuche nicht Thema wären. Selbst in dem umweltkritischen
Werk »Pfisters Mühle«
darf eine Schilderung »Unter
Vater Pfisters Weihnachtsbaum« nicht
fehlen. Im Roman »Hastenbeck«,
der zur Zeit des Siebenjährigen Krieges spielt, nimmt das
Weihnachtsfest eine wichtige Rolle ein. In der Weihnachtspredigt im
Jahr 1757 geht es treffenderweise um das Thema Friede, nach dem sich
die Menschen mitten im Krieg sehnten. In der Erzählung »Der
Lar« wird die
Weihnachtsnacht zum zentralen Element, und selbst das
Weihnachtswetter findet Beachtung. Die wichtigsten Motive wie der
Weihnachtsbaum (»Im
alten Eisen«) oder
der Weihnachtsmarkt (»Die
Chronik der Sperlingsgasse«)
fehlen ebenso wenig, wie der Nussknacker (»Altershausen«)
als Symbol, die
Schwierigkeiten des Lebens zu meistern, der typisch braunschweigische
Honigkuchen (»Nach dem
Großen Kriege«), die
Bratjenkerls und der Baumschmuck (»Weihnachtsgeister«)
oder die Bescherung (»Kinder
von Finkenrode«).
Neben
dem Krieg und seinen Folgen sind ebenso die wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Gegebenheiten in der Epoche der Industrialisierung
Ursachen für Not und Elend breiter Schichten der Gesellschaft.
Gerade im Weihnachtsfest, dem Fest des Friedens und der Freude, weist
Raabe nicht nur darauf hin, dass dieses Fest vor allem ein Kinderfest
ist, sondern in ihm spiegeln sich zugleich die Schattenseiten der
gegenwärtigen Gesellschaft, werden Not und Armut aufgezeigt. Daher
begegnen uns Raabes Weihnachtserzählungen überwiegend nicht als
stimmungsvolle Idyllen spätromantischer Bürgerlichkeit, sondern als
aufrüttelnde und anrührende Bilder mahnender Gesellschaftskritik.
Damit erweist sich Wilhelm Raabe auch in unserer Gegenwart als
äußerst aktuell und zeitgemäß.
(Text: Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel)
Wir danken der Raabe-Apotheke Eschershausen, dass Sie Wilhelm Raabe im gedruckten "Eisvogel - Magazin & Kalender im Weserbergland" mit einer Anzeige unterstützt: www.raabe-apotheke-app.de
Ebenso danken wir der Stadt Braunschweig und dem Raabe-Museum für das Bildmaterial von Wilhelm Raabe: Museum Raabe-Haus in Eschershausen & Raabe-Museum in Braunschweig
Herrn Prof. Gerd Biegel danken wir für die Texte über Wilhelm Raabe.



